Bundesvision und Sprache
Veröffentlicht am 13. Februar 2009 um 21:46 UhrAutor: Der Stadtrat
(Vorbemerkung: Es geht in diesem Beitrag unter anderem um Musik. Alle Wertungen sind, auch wenn sie im Realis geschrieben sind, absolut subjektiv.)
Man muß seinen Humor nicht mögen. Man kann seine abgehakte Sprechweise nervig finden. Man muß sein Hai-artiges Gebiß nicht attraktiv finden. Aber eines muß man Stefan Raab trotzdem lassen: Was er anfaßt, wird zu Geld. Das können eigentlich schon etwas angestaubte Konzepte wie das „Spiel ohne Grenzen“ sein, das als „Schlag den Raab“ wunderbar funktioniert. Oder es können Banalitäten wie Wok-Bobs oder Autofußball sein, die durch ihn aus unerfindlichen Gründen interessant werden.
So ähnlich ist das auch beim „Bundesvision Song Contest“, bei dem schon der Name selbstironisch genug ist. Zugegeben, bis jetzt ist das nicht übermäßig politisch. Aber bemerkenswert ist dabei, daß bei diesem Sanges-Wettbewerb mindestens die Hälfte des Liedes auf Deutsch gesungen werden muß. Einzige Ausnahme wird nach Auskunft des tapferen Mitstreiters wohl das Lied der Traunsteinerin Claudia Koreck sein, das gar nicht auf Deutsch, sondern zu 100 % auf Bayerisch gesungen werden wird.
Soweit ist das natürlich alles sehr schön. Ich fühle mich auch der deutschen Sprache durchaus verbunden und freue ich mich im Grunde sehr, wenn sie nach Kräften gefördert und nicht durch unnötige Anglizismen verschandelt wird. Zu dieser Verbundenheit gehört aber auch Ehrlichkeit. Und das heißt für mich: Man kann auf Deutsch nicht singen. Es geht nicht. Es wäre schön, wenn es ginge, aber es geht nicht.
Man stelle sich einmal vor, das beste Lied, das sich menschliche Gehirne jemals erdacht haben, würde beginnen mit: „Hallo, Dunkelheit, mein alter Freund, ich komm mal wieder vorbei, um mit dir zu reden. Denn während ich geschlafen habe, hat sich eine Vision sanft eingeschlichen und ihre Saat hinterlassen.“ Es geht einfach nicht.
Man kann mit der deutschen Sprache so vieles machen. „Trüber Tag. Feld.“ ist eine Regieanweisung in Goethes Faust. Sie ist so einfach, so frei von jeder Lyrik. Und trotzdem schaffen es diese wenigen Worte, die Szene und die Stimmung unnachahmlich zu definieren.
Aber was soll man mit dieser Sprache aus „He took off East one morning, towards the rising sun’s red glow“ machen? „You had one eye in the mirror as you watched yourself gavotte“ funktioniert nunmal nur auf Englisch. So trivial die Aussage „Valley’s deep and the mountain so high“ auch sein mag, sie transportiert im Kontext sehr viel mehr.
Gerade torkelt eine sachsen-anhaltinische Sängerin mit abstrusem Minirock und Nina-Hagen-Gedächtnis-Stimme über Bühne und singt irgendwas von „monoton“. Zugegeben, da würde auch ein englischer Text nicht viel helfen. Aber ich schweife ab.
Wie ist das nun beim Bairischen? Trotz oberflächlicher Gemeinsamkeiten mit dem Deutschen in Lexikalik und Syntax ist es doch eine ganz andere Sprache. Die Nuancen sind deutlich diffiziler ausgeprägt, Betonung und Wortstellung können enorme Unterschiede machen. Die unendlich vielen Facetten, die das einfache Wort „fei“ abhängig vom Gesamtzusammenhang abdeckt, sind wohl beispiellos.
Ephraim Kishon war der Meinung, man könne nur auf Ungarisch zählen. Und genauso kann man meinesachtens nur Bairisch „nett ratschen“. Eine persönliche Ebene zu finden, einfach zu reden, ohne jedes Wort abwägen zu müssen – das geht nur in der Muttersprache. In unserer Parteizeitung „Freies Bayern“ gibt es seit ca. einem Jahr eine Kolumne auf der letzten Seite, die sich „Boarisch gredt“ nennt. Diese hab bisher immer ich geschrieben, dabei aber die harten politischen Themen in der Regel ausgelassen.
Eine sachliche, rationale Diskussion ist für mich dagegen eher Schriftdeutsch. Die dafür notwendige Präzision der Begrifflichkeiten findet man eben am ehesten in der deutschen Sprache. Man liest ein Wort und man weiß, was es bedeutet und was der Schreiber damit ausdrücken wollte. Wenn wir eines Tages eine bairische Schriftsprache haben, wird das vielleicht ähnlich sein und wir können auf das Deutsche endgültig verzichten – aber bis dahin wird’s noch dauern.
Claudia Koreck sagt gerade, daß wir auf unseren Dialekt stolz sein können. Das ist richtig. Und daß man ihn gut singen kann. Das kommt drauf an. Jetzt singt sie so etwas ähnliches wie „… schmerzen meine Fiaß“. Fiaß schmerzen aber nicht, sie däan wäh. Das sind wohl die Zugeständnisse, die man musikhalber machen muß. Von solchen Kleinigkeiten abgesehen ist der Auftritt aber ein gutes Omen. Boarisch ist salonfähig, auch bei einem Sangeswettstreit, der sich an jüngere Generationen wendet. Und daß das ein junges Madl recht sympathisch rüberbringt, ist sicher nicht verkehrt.
Es gibt ja durchaus einige einigermaßen etablierte bairische Interpreten, z. B. Haindling oder auch Gsindl. Die laufen aber alle mehr oder weniger unter „kurios“. Für mich sind sie nicht kurios, sondern – sagen wir mal – nett. Nett anzuhören, kulturell sehr wichtig, vielleicht gar ein Lichtblick wider die Einheitsgermanisierung, aber das sind einfach keine Lieder, die wirklich hängenbleiben. Ein „richtiges“ Singen auf Bairisch gibt es außerhalb von Volksmusik und Kabarett eigentlich nicht.
Vielleicht liegt es nur am Fehlen von geeigneten Komponisten und/oder Sängern. Oder auch an meiner Ignoranz, daß ich diese einfach (noch) nicht kenne – insoweit bitte ich um wohlwollende Hinweise in den Kommentaren. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß der Fluch der deutschen Sprache auch die bayerische getroffen hat und man in ihr nicht singen kann. Das wäre schon eine Tragik.
Allgemeines
Nicht von mir:
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