König Ludwig II.

Veröffentlicht am 19. April 2009 um 03:05 Uhr  
Autor: Der Stadtrat
Kategorie: Allgemeines | Autor: Der Stadtrat

Der Nachmittag bei den Patrioten war ganz nett und so, wie man sich das wohl nicht nur als Bayer vorstellen würde: Blasmusik, Schuhplattler, Zwiegesang und eine Musikgruppe mit leicht kabarettistischem Einschlag. Hat mir alles ganz gut gefallen, auch, wenn ich mir wohl nicht gleich sämtliche verfügbaren CDs der Interpreten kaufen werde. Außerdem gibt’s im Hofbräukeller ganz gutes Essen, in meinem Falle Putengeschnetzeltes mit Spozn. Das ist Bairisch für Spätzle, allerdings sind das kleine rundliche, nicht die schwäbischen langen – aber ich schweife ab…

Beim Absingen der Bayernhymne hat mir die neben mir sitzende Dame das auf dem Tisch liegende Textblatt überreicht. Ich war im ersten Moment recht perplex und hab angesichts der Lautstärke auch nicht verstanden, was sie gesagt hat. Aber wahrscheinlich war sie irritiert, daß ich nicht mitgesungen habe, und dachte, ich würde den Text nicht kennen. Das ist natürlich falsch – ich singe aber grundsätzlich nicht mit, um den feierlichen Charakter des Liedes nicht durch meine dafür völlig ungeeignete Stimme zu verunglimpfen.

Etwas surreal wurde die Veranstaltung, als der anwesende Herr Staatsminister die Lobesrede auf seinen CSU-Spezl hielt. Da wurde ihm beispielsweise zuerkannt, dafür gesorgt zu haben, daß es 2012 ein Zwei-Euro-Stück mit Neuschwanstein drauf geben wird. Ja, gratuliere! Das ist natürlich viel besser als ein eigener Staat und eine eigene Währung (bzw. eine eigene Euro-Druckserie). Übrigens bekommt seit 2006 jedes Bundesland im Jahrestakt nach und nach seine eigene Gedenkmünze.

Ich will aber auch nicht allzu gehässig wirken – in kultureller Hinsicht haben die Königlich Bayerischen Patrioten selbstverständlich ihre Berechtigung. Und nicht wenige Bayernparteiler sind Mitglieder bei ihnen. Dieses Jahr waren halt einfach sowohl der Laudator als auch der Preisträger von der „falschen“ Partei…

Was mich dann doch geärgert hat, war die überschwänglich positive Erwähnung von Ludwig II. Denn um Bayern verdient hat sich der „Märchenkönig“ bestimmt nicht gemacht. Ihn etwas kritischer zu sehen, ist nun wirklich keine Verschandelung seines Andenkens. Ich meine damit nicht einmal, daß er private Theatervorstellungen bevorzugte oder sich eine Schwanen-Seilbahn in den Keller bauen ließ – a bissl gspinnert ist halt jeder. Und ob er sich wirklich schöne Jünglinge auf’s Schloß eingeladen hat, ist mir auch wurscht.

Aber er hat Bayern nachhaltig und profund verändert – und das definitiv nicht zum Besseren. Sowohl 1866 als auch 1870 hat er unser Land in den Krieg geführt – in beiden Fällen ohne wirklich nachvollziehbaren Grund. Die Niederlage im ersten Krieg konnten wir noch verschmerzen, den Sieg im zweiten dagegen ironischerweise nicht: Aus dem Deutschen Bund wurde unter Einschluß Bayerns das Deutsche Reich.

Und zu dessen Gründung hat Ludwig II. auch noch mit dem berüchtigten „Kaiserbrief“ dem preußischen König die Kaiserkrone angetragen. Freilich, die Initiative ging von seiner Regierung aus und er selber war eher dagegen – so viel besser macht es das aber nicht. Bayern hatte damit seine Freiheit verloren, wurde zum Teil Deutschlands, schlitterte auf einer relativ geraden Linie in den Ersten Weltkrieg und wurde danach – im Gegensatz zu Österreich, das bis 1806 eigentlich viel deutscher war als Bayern, sich aber später emanzipierte – nie mehr als eigenständiger Staat gesehen.

Historiker haben mittlerweile eine Entschuldigung für Ludwig ausgegraben: Die noch immer in Frankreich stehenden preußischen Truppen hätten Bayern im Falle seiner Weigerung annektiert, er hatte also keine andere Wahl. Sogar, wenn dem so wäre, dann wäre es seine Aufgabe gewesen, durch entsprechende Rüstung und Bündnispolitik einen eventuellen Überfall der Preußen zumindest uninteressant zu machen. Ich bin bestimmt kein Militarist, aber das waren eben andere Zeiten und wie uns die Geschichte gelehrt hat, hatte eine Landesverteidigung damals noch einen ganz anderen Stellenwert – für den gemeinsamen Feldzug gegen die Franzosen hat das bayerische Heer ja schließlich auch gereicht.

Aber höchstwahrscheinlich waren seine Motive weitaus profaner: Es kostet halt Geld, schöne Schlösser zu bauen. Und so flossen als Gegenleistung nicht unerhebliche Summen aus Preußen nach Bayern.

Freilich hätte es den Lauf der gesamteuropäischen Geschichte nicht wesentlich geändert, wenn Ludwig den Kaiserbrief nicht geschrieben hätte. Dann hätte sich ein anderer Bundesfürst gefunden, der die Krone in ähnlicher Manier angetragen hätte. Vielleicht wäre Bayern dann auf andere Weise in die folgenden Kriege hineingezogen worden – aber vielleicht wären wir im Lauf der Geschichte auch so stark, selbstbewußt, unabhängig und friedlich-neutral wie die Schweiz geworden.

Eine besondere Art der Verklärung hängt natürlich auch mit den Königsschlössern zusammen. Ludwig habe damit nachhaltige Einkommensquellen für den Staat geschaffen, von denen wir heute noch profitieren. Manchmal kommt es einem gar so vor, als hätte er schon zu seinen Lebzeiten geahnt, daß 100 Jahre später die Japaner und Amerikaner in Scharen nach Bayern strömen, horrende Eintrittspreise zahlen und unverschämt teure Souvenirs kaufen würden. Ich hab zwar auf die Schnelle keine Daten gefunden, aber meines Wissens trägt sich nur Neuschwanstein selbst; alle anderen Schlösser sind hochgradig defizitär. Freilich darf Kultur auch etwas kosten, der monetäre Aspekt alleine greift da zu kurz. Aber auch Kultur ist keine Rechtfertigung, en masse exzentrische Bauwerke in die Landschaft zu stellen und dafür die Staatskasse zu plündern, Schulden aufzunehmen und sich von Preußen schmieren zu lassen.

Gut, im Nachhinein ist man immer schlauer und auch Ludwig war nur ein Kind seiner Zeit. Vor langen Jahren hab ich beim Jungbayernbund einen Vortrag über das Königreich von 1806 bis 1918 gehalten; Ludwig II. hab ich bewußt herausgelassen, da die erwähnenswerten Aspekte seiner Regentschaft einfach zu umfangreich waren. Aber jeder seiner Vorgänger hätte es – trotz demokratischer Defizite, persönlicher Skandale und politischer Fehlentscheidungen – eher verdient gehabt, in derartiger Weise glorifiziert und ikonisiert zu werden.

Einen Vorwurf kann man jedenfalls keinem von ihnen machen, nur Ludwig dem Zweiten: Er hat Bayern verkauft.

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2 Antworten zu “König Ludwig II.”

  1. Autor: Hamburger am 20 Apr, 2009 | Antworten

    Ich dachte eigentlich die Bayern-Partei sieht die bayr. Könige und v. a. Ludwig II eher positiv. Deine Abhandlung ist dagegen ziemlich nüchtern und kritisch. Wie kommts?

  2. Autor: Der Stadtrat am 22 Apr, 2009 | Antworten

    Also ich schreibe hier grundsätzlich nur in meinem Namen. Offizielle Verlautbarungen der Bayernpartei stehen auf den Seiten des Landes- oder Bezirksverbands.

    In der Erinnerung werden mit dem Königreich Bayern oft „selige Zeiten“ verbunden. Das ist insofern schon richtig, als Bayern eben bis 1871 ein unabhängiger Staat war. Oder sagen wir vielleicht besser „ein souveräner Staat“, denn Abhängigkeiten gab es trotzdem.

    In der Zeit hatte Bayern eine konstitutionell-monarchische Verfassung mit all den damals typischen Komponenten: gewählte Legislative als Volksvertretung, vom Monarchen abhängige Regierung, Gegenzeichnungsrecht der Minister, rudimentäres „Freiheit und Eigentum“-Grundrechtsverständnis, etc.

    Das war keine Demokratie, aber auch keine Diktatur; man sollte das weder verherrlichen noch verteufeln. Die meisten bayerischen Könige haben sich um ihr Land und das Volk durchaus verdient gemacht; am herausragendsten wohl Ludwig I., ein modern denkender Förderer von Kunst und Wissenschaft und ein Bauherr, der München architektonisch vorangebracht und eben nicht bloß Märchenschlösser und private Traumwelten in die Landschaft gestellt hat.

    Soviel also zu den Königen – aber ich glaube, nüchtern und kritisch sollte man die gesamte Geschichte sehen.

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