Das Leiden des Stefan Liebkind

Veröffentlicht am 15. August 2009 um 13:00 Uhr  
Autor: Der Stadtrat
Kategorie: Allgemeines | Autor: Der Stadtrat

Der von mir verfremdete und gekürzte letzte Text war aus dem Spiegel übernommen, allerdings mit etwas vertauschten Ethnien. Und in dieser Form, in der er sich über mangelnde Sprachkenntnisse von Einwanderern und deren Nachkommen echauffiert, wirkt er für uns schon recht befremdlich. Bei einigen Passagen könnte man sogar eine gewisse Ausländerfeindlichkeit unterstellen.

Indes: Ich habe inhaltlich kein Wort geändert. Nur hab ich aus den Bairisch sprechenden Niederbayern eben Münchner Migrationshintergründler gemacht. Und in dieser Version beäugen wir dann jede Formulierung ungleich kritischer. Daß der Originaltext von kleinkariertem norddeutschen Kulturimperialismus nur so strotzt, sollte aber auch einem Nicht-Bayern unangenehm auffallen.

Als erstes gefunden hab ich den Artikel übrigens über den Twitter-Kanal eines grünen Kollegen. Dem war es – wohl als Zuagroaster – ähnlich ergangen wie dem Lehrer im Text. Das kann man niemandem vorwerfen und es gibt auch einen himmelweiten Unterschied zu der Haltung der Spiegel-Redaktion: Wer ernsthaft von den Einheimischen fordert, daß diese ihre Sprache nicht pflegen sollen, hat wohl das letzte Jahrzehnt an Integrationsdebatten versäumt.

Auch innerdeutsche Migranten haben sich anzupassen, daran führt kein Weg vorbei. Erfreulich, daß das Kultusministerium die Dialektsprecher sogar noch verteidigt, die einheimische Sprache fördern will und konstatiert, daß derartige Probleme eher selten seien. Zu letzterem muß man aber ganz klar sagen: Wenn ein Lehrer in Bayern die Bairisch redenden Schüler nicht versteht, dann sind nicht die Schüler das Problem.

Niemand kann von einem saarländer Lehrer oder einem anderen innerdeutschen Ausländer verlangen, daß er in kürzester Zeit perfekt Bayerisch redet. Vielen fehlt die Begabung, bei manchen hört es sich ewig schief an. Aber man kann sich trotzdem bemühen, die Einheimischen zu verstehen. Denn wo der Wille erkennbar da ist, beharren auch die Bayern nicht stur auf der reinsten Ausprägung ihrer Sprache, sondern passen sich dem Gegenüber zuliebe dem Schriftdeutschen an. Interessanterweise sind es übrigens oftmals die Ausländer (also nicht die innerdeutschen, sondern die „richtigen“), die sich am meisten bemühen, auch selbst Bairisch zu reden.

Ganz interessant ist die Debatte zu dem Artikel im Spiegel-Forum dazu. Nun sind die Leser-Foren von Online-Medien ja allgemein berüchtigt. Die Beiträge sind beim Spiegel zwar nicht ganz so unterirdisch wie bei der Süddeutschen Zeitung oder bei Heises Telepolis, aber einige Stilblüten finden sich auch da. Mein Favorit (neben der vom Thema weitgehend unabhängigen Behauptung, Bayern hätte keine Verfassung) ist: „Dieser Dialekt Quatsch müsste nach und nach abgeschafft werden. Es ist doch vollkommen hirnverbrannt anders zu sprechen, als man schreibt….“ Eigentlich ist es unnötig, dem zu widersprechen, aber ich tu’s trotzdem: Wir sprechen nicht anders als wir schreiben, wir schreiben anders als wir sprechen. Im deutschen Sprachraum hat sich aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner seiner Sprachen ein Schriftstandard herausgebildet.

Sprache in all ihren regionalen Facetten ist eine Form von Identität, von Identifikation. Sprache transportiert Kultur, Naturell und Zusammengehörigkeit. Nicht umsonst haben totalitäre Regime wie auch fremde Besatzer bei der Bekämpfung regionalen Bewußtseins stets die Auslöschung der Sprache betrieben.

Ein weiteres Zitat aus dem Ministerium, für das der Spiegel hier so gar kein Verständnis aufbringen mag, hat einen ganz bedenklichen Zungenschlag: „Die Mundart nimmt in der Schule keine vorrangige Rolle ein“ – so, als sei das etwas Positives.

Neuerdings sind die Schulen ja für alles zuständig: Nachmittagsbetreuung, damit sich die Eltern nicht mit ihrem nervigen Nachwuchs abgeben müssen, Erziehungshilfe, damit die lieben Kleinen keine Komasäufer werden, und nebenbei noch ein bißchen auf’s Leben vorbereiten. Aber dafür, die eigene Sprache und Kultur zu bewahren, ist scheinbar keine Zeit. Dialekt scheint sogar ein störendes Element zu sein – gut, daß der keine vorrangige Rolle einnimmt…

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