Autor: Der Stadtrat | Kategorie Allgemeines | Kommentar schreiben
Man sollte auf Twitter nicht diskutieren. Das weiß ich. Schon lange. Aber manchmal halt ich mich einfach nicht dran. 140 Zeichen sind einfach zu wenig. Aber ich versuch’s trotzdem immer wieder.
Alles begann so: Die Abendzeitung hat auf einen Artikel auf ihrer Internetseite hingewiesen. da ging es um einen britischen Sänger, der in Deutschland die erste Strophe des Deutschlandlieds gesungen hat. Und das sei, so die Überschrift und der Tenor des Artikels, ein Nazi-Lied. Das hab ich mit den – zugegebermaßen – zu kurzen Worten
@Abendzeitung Ein Lied, das 1841 gedichtet und 1922 zur deutschen Nationalhymne wurde, würde ich nicht unbedingt als Nazi-Text bezeichnen…
kritisiert. Dem kann man, wenn man die historischen Hintergründe zur Entstehung des Liedtextes kennt, auch schwerlich widersprechen. Zudem habe ich ja „nicht unbedingt“ gesagt, es kommt also auf den Kontext an.
Aber es war halt eine – zugegebermaßen – recht knappe Erwiderung, die nicht auf die berechtigten Empfindlichkeiten in Bezug auf alle nationalen Symboliken, die auch das NS-Regime übernommen hat, eingegangen ist. Dazu kommt natürlich, daß von vielen Leuten die Worte „Deutschland über alles“ kontrafaktisch, aber emotional verständlich, nur mit der NS-Ideologie in Verbindung gebracht werden. Meine Worte hatten nur leider genau 140 Zeichen, da war also gar kein Platz mehr für Erklärungen…
Dementsprechend gab es dann gleich empörte Antworten und es entbrannte eine historisch-fachliche (also nicht wirklich politische) Diskussion. Aber so ungeeignet Twitter für einzelne fundierte Aussagen ist, so geeignet ist es doch für Kommunikation zwischen einer größeren Zahl an Personen. Und so wurde die Sache dann in längerem, teils recht hitzigem Hin-und-her-Schreiben geklärt.
Nun ist mir als Bayer die deutsche Nationalhymne nicht viel näher als – sagen wir mal – die vietnamesische und ich müßte deren Ehrenrettung also nicht unbedingt betreiben. Von daher hätte ich vielleicht von Haus aus nichts dazu sagen sollen, zumal ich ja davon ausgehen mußte, daß die wahren Hintergründe manchen durchaus bekannt sind und dann auch ihren Weg nach Twitter finden. Noch dazu sollte man auf Twitter ja nicht diskutieren – aber das hatten wir ja schon. Leider hab ich eine Tendenz zum Know-it-all-ism (Klugscheißerei halt) und muß Fehler anderer manchmal zwanghaft korrigieren…
Da mich also unvernünftigerweise eingemischt hatte, mußte ich nun alle Unklarheiten beseitigen, habe einen knappen Abriß des ganzen geschrieben und – da 3950 Zeichen etwas mehr ist als 140 – von Twitter aus darauf verlinkt. Und das, obwohl es mir im Grunde völlig wurscht sein könnte, wenn etwas falsches über die bundesrepublikanische Hymne verbreitet wird. Jetzt dürfte aber zumindest jeder wissen, was ich gemeint habe.
Das wirklich beeindruckende ist für mich aber, daß die Abendzeitung, die mich während der Diskussion gar nicht sanft und auch recht persönlich angegangen hat (und vice versa), ihren ursprünglichen Artikeltext in der Online-Ausgabe deutlich aus- und die Hintergründe eingebaut hat. Das lag sicher nicht nur oder auch gar nicht an meinen Argumenten, da viele andere ähnliches geschrieben haben. Aber im Ergebnis steht im Artikel nicht mehr „Nazi-Text“, sondern „erste Strophe des Deutschlandlieds“. Eigentlich ist mir das ja wurscht – aber Knowitallism eben. Im Artikel blieb freilich, daß man diese Strophe aufgrund historischen Mißbrauchs vielleicht nicht unbedingt singen sollte. Das hab ich ja auch nie bestritten.
Ich finde das schon bemerkenswert, daß es Medien gibt, die nach einer kontroversen Debatte auch mal Anregungen aufnehmen und ihre Meinung revidieren oder zumindest verständlicher machen. Genau das hab ich mit meinem Blogeintrag schließlich auch gemacht und keinem Journalisten bricht dabei ein Zacken aus der Krone. Und dem Gute-Nacht-Tweet der Abendzeitung können wir uns sicher alle anschließen:
Closing time, Hopfenpost: Wir danken für die Geschichtsnachhilfe, finden aber, dass nicht alles gegrölt werden muss, was nicht verboten ist